Das Leben einer Frau aus Palästina

Ehrenmord(e)

Original von Abul Kasem

http://www.vinnomot.com/ABAL/KasemPalestine.htm

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Souad wurde als Teenagerin von einem Jungen aus ihrem Dorf schwanger. Die beschmutzte, palästinensische Familie verurteile sie zum Tode und ihr Schwager setzte sie in Flammen. Jedes Jahr sterben tausende von Frauen (nicht nur) im nahen und mittleren Osten aufgrund von "Ehrenmorden". Souad hat überlebt. Hier ist ihre qualvolle Geschichte.

Er kam zu mir und fragte mich lächelnd: "Hi. Wie geht´s dir?" Er kaute auf einem Grashalm. "Ich werde auf dich aufpassen."

Ich hatte damit nicht gerechnet. Ich lächelte ein wenig, um mich bei ihm zu bedanken und traute mich nicht, zu sprechen.

Plötzlich fühlte ich eine kühle Flüssigkeit auf meinem Kopf; ich brannte. Ich schlug meine Haare. Ich schrie. Meine Kleidung blähte sich hinter mir auf. Brannte sie auch? Ich roch das Benzin und rannte weg. Verfolgte er mich? Wartete er darauf, dass ich hinfallen würde, damit er mir zugucken könnte, wie ich in Flammen aufgehe?

Ich werde sterben, dachte ich. Das ist gut. Vielleicht bin ich schon tot. Irgendwann wird es vorbei sein.


Ich heiße Souad. Meine Geschichte begann vor fast 25 Jahren in meinem Geburtsdorf in der West Bank, einem kleinen Platz in einer Region, die damals von den Israelis besetzt war. Wenn ich mein Dorf nennen würde, könnte ich in Gefahr sein, obwohl ich jetzt tausende von Meilen weg von dort bin.

In meinem Dorf bin ich offiziell tot; falls ich versuchen würde, dorthin zurückzukehren, würden sie ein zweites Mal versuchen, mich umzubringen, um die Familienehre zu retten. Das ist das Gesetz des Landes.

Das ist so, weil ich eine Frau bin.

Eine Frau muss schnell gehen, den Kopf nach unten richten, als würde sie die Schritte zählen, die sie macht. Sie soll immer auf ihrem Weg bleiben und niemals nach oben gucken. Sollte ein Mann nämlich ihre Augen sehen, wird das ganze Dorf sie als Hure bezeichnen. Damit eine Frau ihren Blick nach oben richten darf, ein Geschäft betreten, ihre Augenbrauen schminken und Schmuck tragen darf, muss sie verheiratet sein. Meine Mutter wurde mit 14 Jahren verheiratet. Wenn ein Mädchen in dem Alter noch nicht verheiratet ist, macht sich das Dorf über sie lustig. Aber ein Mädchen muss darauf warten, wann sie in der Familie an der Reihe ist. Zuerst wird die älteste Tochter verheiratet, dann die anderen.

In unserem Haus gab es vier Mädchen im heiratsfähigen Alter. Es gab auch noch zwei Halbgeschwister, die von der zweiten Frau von unserem Vater abstammten, die noch Kinder waren. Der einzige männliche Nachkommen der Familie, der mit Stolz neben all den Töchtern geboren wurde, war unser Bruder Assad.

Vor 25 Jahren hab ich nur Arabisch gesprochen. Ich war kaum mehr als ein paar Kilometer von dem letzten Haus auf der schmutzigen Straße entfernt. Ich wußte, dass es noch andere Städte gab, aber ich hab sie nie gesehen. Ich wußte auch gar nicht, ob die Erde flach oder rund war. Aber was ich wußte war, dass wir die Juden hassen mußten, die uns unser Land genommen hatten. Mein Vater nannte sie alle Schweine. Es wurde uns verboten, nahe an sie heranzutreten, damit wir nicht auch zu Schweinen werden würden.

Mein Bruder ging zur Schule, aber die Mädchen blieben daheim. Wo ich herkomme, ist es ein Fluch, als Frau geboren zu werden: zuerst muß eine Frau einen Sohn gebären, mindestens einen! Wenn sie nur Mädchen auf die Welt bringt, wird sie verspottet. Bestenfalls zwei oder drei Mädchen werden benötigt, um im Haushalt zu helfen, auf dem Land zu arbeiten und sich um die Tiere zu kümmern.

Unser Haus aus Stein war groß und von einer Mauer umgeben, in der sich eine große Tür aus Eisen befand. Sobad wir drinnen waren, wurde sie geschlossen um zu verhindern, dass wir nach draußen gingen. Du konntest durch diese Tür nach innen gelangen, aber du konntest nicht mehr nach draußen gehen. Meine Mutter und mein Vater gingen nach draußen, aber niemals wir Mädchen. Mein Bruder ging hinaus und kam durch diese Tür zurück. Er ging auch ins Kino; er machte, was er wollte.

Ein Tag ohne Schläge war etwas ungewöhnliches. Mein Vater schrie zum Beispiel "Warum sind die Schafe von alleine zurückgekommen?" . Dann zog er mich an den Haaren und brachte mich in die Küche, um mich dort zu schlagen. Einmal hat er meine Schwester Kainat und mich festgebunden. Die Hände waren hinter dem Rücken festgemacht und auch unsere Füße waren gefesselt. Damit wir zu Schreien aufhören, band er uns einen Schal um den Mund. Wir mußten die ganze Nacht so verbringen: Angebunden an ein Tor, welches zum Stall führte.

So sah das Leben in unserem Dorf aus. Die Mädchen und Frauen in den anderen Häusern wurden auch regelmäßig geschlagen. Du konntest ihre Schreie hören. Meine Schwester wurde von ihrem Ehemann geschlagen und brachte Schande über unsere Familie, als sie sich darüber beschwerte.

Meine Mutter hatte 14 Kinder, aber nur 5 überlebten. Eines Tages erfuhr ich, warum. Ich war wohl noch keine 10 Jahre alt und Noura, meine ältere Schwester, war mit mir zusammen. Wir kamen von den Feldern zurück und fanden meine Mutter auf einem Schafsfell auf dem Boden liegend. Sie lag in den Wehen und meine Tante Salima war bei ihr. Sehr schnell nahm meine Mutter das Schafsfell und erstickte das Baby. Ich sah, wie sich das Baby einmal bewegte und dann war es vorbei. Es war ein Mädchen. Das war das erste Mal, dass ich meine Mutter dies tun sah. Es folgte auch ein zweites Mal. Ich bin nicht sicher, ob ich beim dritten Mal auch dabei war, aber ich wußte zumindest davon. Und ich hörte wir Noura sagte "Wenn ich Mädchen bekommen werde, werde ich das gleich wie du tun!"


So entledigte sich meine Mutter also ihrer 7 Töchter, die sie nach Hanan gebar, der letzten Überlebenden. Von diesem Tag an versteckte ich mich jedesmal und weinte, wenn mein Vater ein Schaf oder ein Huhn schlachtete.

So lang ich mit meinen Eltern zusammenlebte hatte ich Angst, dass ich plötzlich sterben müßte. Ich hatte Angst, eine Leiter nach oben zu besteigen, wenn mein Vater dabei war. Ich hatte Angst vor dem Beil, welches zum Holzhacken benutzt wurde, Angst vor dem Brunnen, wenn ich zum Wasserholen ging. Sowohl meine Mutter, als auch ich fürchteten den Brunnen am meisten. Ich habe das bemerkt. Manchmal, wenn meine Schwester Kainat und ich von den Feldern zurückkamen, sprachen wir darüber, was passieren könnte: "Stell dir vor, wenn jeder tot ist, wenn wir zurückkommen... Und was, wenn Vater unsere Mutter getötet hat? Er bräuchte nur einen Stein zu nehmen und das war´s!"

Die Möglichkeit, dass unserer Mutter sterben würde, beschäftigte uns mehr als die Angst, dass eine Schwester sterben könnte. Schließlich gab es genug andere Schwestern. Auch unsere Mutter wurde oft geschlagen, so wie wir. Manchmal versuchte sie, dazwischen zu gehen, wenn unser Vater uns sehr grob schlug und dann schlug er auch sie und riss ihr Haare aus.

Ich habe meine Bruder Assad seit 25 Jahren nicht gesehen, aber ich würde ihn gerne eine Frage fragen: "Wo ist unsere Schwester Hanan, die verschwunden ist?" Hanan war ein sehr hübsches Mädchen, sehr dunkel und viel schöner als ich, mit dicken Haaren und schönen Augenbrauen über ihren Augen. Sie war nicht dünn, so wie ich. Sie war eine Träumerin und achtete kaum darauf, was man zu ihr sagte. Wenn sie zu uns kam und uns dabei half, Oliven zu pflücken, tat sie dies sehr langsam. Das war ziemlich unüblich in meiner Familie: Du gehst und arbeitest schnell und rennst, um die Tiere zu holen.

Ich war im Haus, als ich eines Tage Schreie hörte. Meine kleineren Schwestern und ich rannten los, um zu sehen, was passierte. Hanan saß auf dem Boden und fuchtelte mit ihren Armen und Beinen, während Assad über ihr war und sie mit dem Telefonkabel strangulierte. Wir pressten uns gegen die Wand, damit uns niemand sehen würde. Assad muss uns aber gehört haben, denn er rief "Geht raus! Verschwindet!"

Als unsere Eltern zurückkamen, sprach meine Mutter mit Assad. Ich sah, wie sie weinte, aber ich wußte, dass sie nur so tat. Allmählich verstand ich, was mit Mädchen in meinem Land passiert. Es wird an einer Familienversammlung entschlossen und an einem schrecklichen Tag,wenn die Eltern niemals daheim sind, passiert dann die schlimme Tag. Nur derjenige, der dazu bestimmt ist, das Opfer zu töten, ist mit dem ernannten Opfer zusammen.

Ich weiß nicht, warum Hanan dazu verurteilt wurde, zu sterben. Ist sie alleine ausgegangen? Wurde gesehen, wie sie mit einem Mann spricht? Hat ein Nachbar sie angezeigt? Es braucht nicht viel , damit ein Mädchen von jedem als Hure abgestempelt wird, die Schande über die Familie gebracht hat und die sterben muß, um die Familienehre zu bewahren, genauso wie die Ehre des gesamten Dorfes.

Während ich groß wurde wartete ich hoffnungsvoll auf meine Hochzeit. Ich war mittlerweile 18 und haßte Dorfhochzeiten, weil alle Mädchen sich über mich kaputtlachten. Keiner wollte Kainat, meine ältere Schwester, haben und sie hat resigniert und sich damit abgefunden, eine alte Jungfrau zu werden. Für mich war das absolut deprimierend, weil ich ja schließlich warten mußte, bis Kainat verheiratet war, um selbst heiraten zu können.

Dann fand ich heraus, dass ein Nachbar, Faiez, nach mir gefragt hatte. "Aber wir können jetzt noch nicht über deine Hochzeit reden, " erklärte mir meine Mutter, "wir müssen auf deine Schwester warten."

Faiez lebte in dem Haus gegenüber von uns. Manchmal konnte ich ihn von unserer Terrasse aus sehen, wenn ich unsere Wäsche zum Trocknen auslegte. Er mußte einen guten Job in der Stadt haben, denn er kleidete sich nicht wie ein Arbeiter. Er trug immer einen Anzug und er hatte eine Aktentasche und ein Auto.

Ich stellte mir vor, dass wir verheiratet wären und dass er von der Arbeit zurückkommen würde und ich ihm seine Schuhe ausziehen würde und seine Füße waschen würde, so wie es meine Mutter für unseren Vater getan hat. Ich wäre eine Frau mit einem Ehemann! Vielleicht könnte ich sogar Schminke tragen, mit ihm ins Auto steigen und in die Stadt zu den Geschäften fahren!

Aber was sollte ich machen? Ich wollte, dass er weiß, dass ich auf ihn auch wartete. Ich entschloss, dass ich alles versuchen würde, um mit ihm zu sprechen, auch wenn ich riskiere, dass ich geschlagen werden würde oder gesteinigt werden würde. Eines Tages hörte ich Fußschritte auf dem Schotter außerhalb unseres Hauses. Ich breitete meine wollene Decke über die Ecken der Terrasse aus und schaute nach oben. Er sah mich und ich wußte, dass er verstand, obwohl er kein Zeichen von sich gab und wir auch auch kein Wort sprachen.

Dann gab es regelmäßige, heimliche Treffen. Eines Tages legte er seine Hand auf meinen Schenkel. Ich wies ihn zurück. Er schaute mich verärgert an. "Warum willst du das nicht? Komm schon!" Ich hatte so Angst davor, dass er mich verlassen und nach einer anderen Frau gucken würde. Also ließ ich ihn tun, was er wollte- ohne richtig zu wissen, was mit mir passieren würde. Er war nicht brutal, aber der Schmerz überraschte mich doch. Er sagte, er würde mich lieben.

Eines Tages im Stall fühlte ich mich unwohl. Der Geruch von Dünger machte mich schwindelig. Und später, als ich das Essen vorbereitete, wurde mir durch das Hammelfleisch schlecht. Ich suchte nach einem Grund, der nicht der schlimmste sein könnte. Natürlich konnte ich mit niemandem reden. Wenn ich schwanger wäre, würde mein Vater mit dem Schafsfell ersticken.

Als ich es Faiez erzählte, wurde sein Gesicht weiß. Er versprach, dass er mit meinem Vater reden würde. Er sagte, dass ich warte solle, "Bis ich dir ein Zeichen gebe.". Die Tage vergingen und er gab mir kein Zeichen. Ich war die ganze Zeit voller Hoffnung, dass ich ihn aus dem Nichts auftauchen sehen würde, so wie es vorher immer passierte, rechts oder links von der Schlucht, wo ich mich immer versteckt hatte.

Drei oder vier Monate später wurde mein Bauch immer dicker. An einem Waschtag kam mein Vater zu mir , sein Stock schlürfte am Hofboden. Er blieb hinter mir stehen. "Du bist schwanger," sagte er. Ich legte die Wäsche zurück in das Becken. Ich konnte ihn nicht angucken. "Nein, Vater," antwortete ich. Später verteidigte ich mich bei meiner Mutter und versicherte ihr, dass ich meine Tage gehabt hätte.

Dann gab es eine Familienversammlung, an der ich natürlich nicht teilnehmen durfte. Dabei waren meine Eltern, Noura und mein Schwager Hussein. Vollkommen verängstigt lauschte ich hinter der Wand.

Meine Mutter sprach zu Hussein: "Wir können unseren Sohn nicht fragen. Er wird es nicht machen könne- er ist zu jung."

"Ich werde mich um sie kümmern."

Dann mein Vater: "Wenn du es machen möchtest, dann achte darauf, dass es richtig geschieht. Was schlägst du vor?"
"Keine Sorge. Ich werde einen Weg finden."

Ich hörte, wie meine Schwester weinte und sagte, dass sie das nicht hören und nach Hause gehen möchte. Hussein sagte ihr, dass sie warten müsse und bestätigte die Abmachung mit meinen Eltern: "Ihr werdet ausgehen. Wenn ihr zurückkommt, wird es erledigt sein."

Ich konnte nicht glauben, was ich gehört hatte. Ich wunderte mich, ob es nicht ein Traum, ein Albtraum sein könnte. Würden sie mich wirklich töten? Und wenn ja, wann würde es passieren? Wie? Würden sie meinen Kopf abhacken? Vielleicht dürfte ich das Kind bekommen und danach werden sie mich töten? Würden sie das Baby behalten, wenn es ein Junge wird? Würde es meine Mutter ersticken, wenn es ein Mädchen ist?

Am nächsten Tag erzählte meine Mutter, dass sie mit meinem Vater in die Stadt gehen würde. Ich wußte, was das bedeutete. Ich schaute auf den Hof; es war ein großer Platz, ein Teil von ihm war gefliesst, der andere mit Sand bedeckt. Er war von einer Mauer umrundet und auf der Mauer war Stacheldraht. In der einen Ecke befand sich die eiserne Tür ohne Schloß oder Schlüssel und nur mit einem Griff auf der äußeren Seite. Wenn er kommen würde, könnte er nur durch diese Tür kommen.

Plötzlich hörte ich ein Geräusch. Mein Schwager war da, er kam zu mir. Er lächelte.

Noch 25 Jahre danach habe ich diese Bilder immer wieder in meinem Kopf, als wäre die Zeit stehengeblieben. Ich saß auf einem Stein, barfuß, in einem grauen Kleid. Ich senkte meinen Kopf nach unten und war nicht fähig, ihn anzugucken. Mein Vorderkopf lag auf meinen Knien. Dann rannte ich plötzlich und stand unter Flammen und schrie. Da waren Frauen, erinnere ich mich, zwei von ihnen, also mußte ich über die Gartenmauer geklettert und auf die Straße gekommen sein.Sie schlugen mich, ich glaube mit ihren Schals. Sie drängten mich zum Dorfbrunnen. Ich fühlte das kühle Wasser an mir runterlaufen und ich schrie vor lauter Schmerz, weil es mir auch weh tat. Ich hörte, wie die Frauen über mich jammerten "Das arme Ding! Das arme Ding!" Ich lag in einem Auto. Ich merkte die Erschütterungen der Straße. Ich hörte mich selbst stöhnen.

Später wurde ich in einem Krankenhausbett wie ein Ball eingewickelt. Eine Krankenschwester kam, um mir meine Kleidung abzunehmen. Sie ging ziemlich grob mit mir um und der Schmerz durchfuhr mich. Ich schlief, mein Kopf lag immer noch auf der Brust genauso wie es war, als ich angezündet wurde. Meine Arme lagen neben meinem Körper. Beide waren gelähmt. Ich wollte mich kratzen, wollte meine Haut abkratzen, um den Schmerz zu stillen. Meine Hände waren auch noch da, aber ich konnte nichts benutzen.

Als ich aufwachte sah ich zwei nackte Füße, ein langes schwarzes Kleid, einen kleinen Körper, so wie ich, schlank, fast dünn. Er war nicht die Krankenschwester. Es war meine Mutter. Ihre zwei Zöpfe waren mit Olivenöl getränkt, ihr schwarzer Schal, die strenge Strin, ein Runzeln zwischen ihren Augenbrauen über der Nase, sie sah aus wie ein Raubvogel. Sie machte mir angst. Sie saß auf einem Stuhl mit ihrer schwarzen Tasche und begann zu schluchzen. Ihr Kopf ging dabei vor und zurück. Sie schluchzte wegen der Schande, Schande um sie selbst und über die ganze Familie. Ich sah Haß in ihren Augen.

Niemals im Leben werde ich das große Glas vergessen, welches bis zum Rand mit einer durchsichtigen Flüssigkeit, wie Wasser, gefüllt war. "Trink das. Ich bin es, der dir das gibt."

Ich war so durstig, dass ich versuchte, mein Kinn zu heben, aber ich konnte es nicht. Plötzlich trat ein junger Doctor ein, einer der wenigen, der mich hier freundlich behandelt hatte. Meine Mutter sprang auf. Er nahm ihr das Glad aus der Hand und stellte es auf das Fenstersims. "Nein!" rief er. Er nahm meine Mutter am Arm und brachte sie aus dem Zimmer. "Du kannst froh sein, dass ich genau im richtigen Moment ins Zimmer gekommen bin!", sagte er. "Von jetzt an darf deine Familie dich nicht mehr besuchen."

Es war drei oder vier Tage später. Ich hatte immer noch nichts gegessen oder getrunken, seitdem ich ins Krankenhaus eingeliefert wwar. Ich wußte, dass sie mich sterben lassen würden, weil es verboten war, in Fälle wie meine einzugreifen. Jeder sah in mir die Schuldige. Ich müßte das Schicksal einer Frau ertragen, die die Ehre eines Mannes verletzt hat. Sie hatten mich nur gewaschen, weil ich gestunken hatte. Sie behielten mich hier, weil es ein Krankenhaus war, wo ich sterben sollte ohne meiner Familie oder dem Dorf noch mehr Schaden zufügen zu können. Hussein hat seine Arbeit verpfuscht. Er hatte mich brennend davonlaufen lassen.

Eines Nacht fühlte ich einen ungewöhnlichen Schmerz, als würde ein Messer in meinen Bauch gerammt werden. Ich fühlte etwas fremdes zwischen meinen Beinen. Zuerst bemerkte ich gar nicht, dass ich gerade ein Kind bekam. Der Doktor hörte meine Schrei und kam in den Raum. Er nahm das Baby web, ohne es mir zu zeigen.

Später erzählte man mir, dass ich nach 6 Monaten einen kleinen Jungen geboren hatte, der am Leben war und um den man sich kümmerte. Ich hörte nur ungenau, was man zu mir sagte, denn meine Ohren waren auch verbrannt und taten unheimlich weh.

Einmal kam jemand in mein Zimmer, irgendwann mitten während des ganzen Albtraums. Eine Hand fuhr über meine Gesicht, ohne es zu berühren. Die Stimme einer Frau sprach mit Akzent auf Arabisch zu mir: "Ich werde dir helfen, verstehst du mich?" Ich sagte "JA", ohne daran zu glauben. Ich fühlte mich in diesem Bett so unwohl. Ich war die Zielscheibe für jedermanns Hohn. Ich konnte nicht verstehen, wie irgendjemand mir helfen könnte. Aber ich sagte ja zu dieser Frau. Ich wußte nicht, wer sie war.

Mein zweites Leben begann in Europa Ende der siebziger Jahre auf einem internationalen Flughafen. Versteckt hinter einem Vorhang roch mein Körper so furchtbar, dass sich viele der Passagiere an Bord auf dem Flug nach Europa beschwerten.

Aber neben mir, in einer Wiege, lag mein Sohn Marouan. Ich schaute auf sein Gesicht, welches lang und dunkel war. Er wurde in einem Waisenhaus gefunden, wohin ihn das Krankenhaus gebracht hatte, weil man erwartete, dass ich sterben würde.


Die Frau, Jacqueline, eine Arbeiterin einer humanitären Organisation, hatte ihn ausfindig gemacht. Sie hatte außerdem meine Eltern davon überzeugt, mich ihr zu übergeben, indem sie sagte, dass sie mich woanders zum Sterben hinbringen würde. Später erfuhr ich, dass mein Vater ihr versprach, mich nie wiederzusehen "Niemals!". Sie würden dem Dorf sagen, dass ich gestorben wäre, damit die Ehre wieder hergestellt worden wäre.

Jacqueline brachte mich in ein schweizerisches Krankenhaus, wo meine Verbrennungen behandelt wurden. Ein Tag nach meiner Ankunft hatte ich eine Notoperation, damit mein Kinn von meiner Brust entfernt werden würde, damit ich meinen Kopf heben könnte. Viele Monate lang bekam ich Hauttransplantate, 24 Operationen zusammen. Die zweite Haut wurde von meinen Beinen genommen, die nicht verbrannt waren, bis keine Haut mehr übirg war.

Zuerst hingen meine Arme starr an meinem Körper herab, wie bei einer Puppe. Aber nach und nach wurden sie gestärkt und schließlich konnte ich sie bewegen. Ich konnte wieder stehen, in den Korridoren entlanggehen und meine Hände benutzen.

Ich lebe jetzt in Europa, wo ich mit einem liebevollen Mann verheiratet bin, der Antonio heißt. Wir haben 2 Töchter. Als Marouan 5 war, habe ich ein Papier unterzeichnet, welches seinen Pflegeeltern erlaubt, ihn zu adoptieren. Wir haben mit diesen Pflegeeltern 4 Jahre lang nach meiner Ankunft zusammengelebt. Seine Eltern wurden auch zu meinen Eltern. Ich fühle mich für diese Entscheidung immer noch schuldig, aber ich weiß, dass Marouan glücklich darüber war und er weiß, dass ich am Leben bin. Ich war 24 Jahre alt und ich fühlte, dass ich nicht länger bleiben konnte. Ich mußte arbeiten, unabhängig werden und auch erwachsen werden. Ich wäre gar nicht dazu in der Lage gewesen, ihn alleine großzuziehen.

Ich bin immer noch Muslima, aber ich habe nur wenige Traditionen meines Dorfes beibehalten. Ich verabscheue Gewalt. Wenn jemand mir vorwirft, dass ich gegenüber der muslimischen Religion kritisch bin, versuche ich dieser Person dabei zu helfen, was sie vorher nicht verstanden hat. Unsere Mutter hat viel mit unseren Nachbarn gestritten. Sie schmiss Steine nach ihnen oder zog sie an ihren Haaren. In meinem Land sind die Frauen immer auf die Haare aus.

Mehr als 6000 ´Ehren-´ Morde finden jährlich statt- in der West Bank, in Jordanien, Türkei, Iran, Irak, Jemen, Indien und Pakistan. (Aber auch in Europa hat es diesen Unsinn schon gegeben.) In Pakistan ist dieser Brauch sogar als Teil der nationalen Kultur anerkannt. In Jordanien haben Männer, die ihre Ehefrauen in Wutausbrüchen umgebracht haben, ein Recht auf Nachsichtigkeit des Gerichts. Dasselbe gilt für die Männer, die ihre Frauen aus bloßem Verdacht wegen Untreue umbringen. Es wird immer üblicher, dass ´entehrte´ Familien Menschen dazu anheuern, für Geld ihre entflohenen Frauen zu suchen. Das führt dazu, dass diese geflücheten Frauen in den anderen Ländern immer dazu gezwungen sind , sich zu verstecken.

Seit meinem Erlebnis habe ich viele dieser Frauen getroffen. Ein junges Mädchen von ihnen hat keine Beine. Sie wurde von zwei Männern angegriffen, die sie gefesselt haben und an eine Zugschiene festgebunden haben. Ein anderes Mädchen wurde von ihrem Vater und ihrem Bruder fast erstochen und in einen Müllbeutel geworfen. Es gibt eine andere, deren Mutter und Brüder sie aus dem Fenster geschmissen haben: Jetzt ist sie gelähmt.

Ich habe bisher keine andere angezündete Frau kennengelernt. Soweit ich weiß, hat keine von ihnen überlebt.

Ausschnitte aus "Lebendig verbrannt" von Souad (Bantam)

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